14. April 2014 (Montag)

Sieben Streitpunkte über richtiges und falsches Leben

Jeder darf so leben, wie er will. So zumindest lautet die landläufige Meinung. Falsch, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi in ihrem neuen Buch. Über Lebensformen und Lebensart lasse sich sehr wohl streiten. Wie und wo – eine Auflistung klärt die Frage philosophisch.

27. April 2014 (Sonntag)

Die Stadt als Kreislauf

Die Stadt wird zum Kraftwerk, zum urbanen Garten, zur urbanen Mine, neuerdings auch zur urbanen Farm. Eine neue Stadt wird gedacht - eine Stadt, die sich durch Kreisläufe definiert, ein Denken in Zyklen. 

 

Von Christoph Keller

Manche Stadtbewohner verwandeln den Hinterhof in einen Gemüsegarten, andere nehmen Brachen in Beschlag und nennen sich "Guerilla Gardeners", wieder andere haben das Imkern in der Stadt entdeckt, werden zu urbanen Imkern. Ganze Quartiere beschliessen, ihre Dächer mit Solaranlagen zu bestücken, um den Strom lokal zu produzieren; Küchenabfälle werden zentral gesammelt, um daraus städtisches Biogas zu produzieren.

 Und - manche Firmen haben erkannt, dass die Stadt ein riesiges Rohstofflager ist, dass man Beton, Eisen, Aluminium und alles, was in der Stadt verbaut ist, wiederverwenden kann; die Kehrrichtverbrennung Zürich Oberland, die KEZO, geht noch einen Schritt weiter - sie gewinnt aus der Verbrennungsschlacke Gold, Silber, und andere Metalle zurück.

Die Stadt, darauf verweisen diese Entwicklungen, erfindet sich gerade neu.

Sie wird zum Experimentierfeld für neue Kreisläufe, in der Energie, Nahrungsmittel und Rohstoffe lokal produziert und verwertet werden.

 

Dachfarmen für die Stadt

Neuerdings tritt ein weiterer Player auf und bietet Lösungen in diesem Feld an - Urbanfarmers, eine Startup-Firma, die eng mit der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften zusammenarbeitet.

Urbanfarmers hat auf einem Dach im Basler Dreispitzareal eine Pilotanlage für eine kombinierte Fischzucht plus Gemüseprodukton in Betrieb genommen. Die angewendete Aquaponic-Technologie funktioniert auf dem einfachen Prinzip, wonach das verschmutze Wasser der Fische die Pflanzen im Gewächshaus düngt, und Gemüsepflanzen wiederum reinigen das Wasser für die Fische; auch hier ein Kreislauf. Andreas Graber, Gründer und Chef Forschung&Entwicklung bei Urbanfarmers sagt, man könne mit dieser Technologie um ein Mehrfaches an Nahrungsmitteln produzieren, als in einer normalen Fischzucht, und das mitten in der Stadt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

Kurze Wege für die Anlieferung statt langer Lastwagenfahrten aus Italien oder Spanien für das Gemüse, kurze Wege auch für den Fisch, der per Velo an Basler Restaurants ausgeliefert wird, das spart Kosten und CO2. Die brach liegenden Dächer der Stadt werden genutzt, eine Farm auf dem Dach nimmt die Hitze auf und kühlt das Gebäude darunter, und das Gewächshaus lässt sich gut mit einer Solaranlage kombinieren, weil die Pflanzen (vor allem im Sommer) nicht das ganze Tageslicht brauchen, um zu gedeihen.

 

Effizientes, konsistentes Denken

Die Urbanfarmers sind keine Stadtromantiker, für die Urban Gardeners hegen sie zwar Sympathien, aber ihr Modell zielt in eine andere Richtung. Eine möglichst hohe Effizienz, also die bestmögliche Verwertung von Ressourcen ist ihnen wichtig, ebenso der Einsatz allerneuester Technologien - schliesslich soll eine urbane Farm auch gewinnbringend arbeiten können. Entsprechend sieht das Gewächshaus auf dem Dach in Basel auch eher nüchtern und kühl aus, und die Fischzucht erinnert schon fast an Hightech.

Doch darum, letztlich, wird es in der Stadt der Zukunft gehen: um einen effizienten, auf dem neuesten Stand der Technik beruhenden Einsatz von Ressourcen.

Smart, lautet hier das Zauberwort.

Smart sollen die Städte der Zukunft sein, und so lassen sich Smart Cities denn auch denken als Städte, in denen alle menschlichen Aktivitäten, von der Mobilität über den Abfall bis hin zum Konsum, als möglichst geschlossene, energieeffiziente Kreisläufe sich abspielen. Smart Cities werden zwar nie selbstversorgend sein; aber sie achten darauf, das betont Andy Spörri, Forscher am Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich und Senior Researcher bei Ernst Basler und Partner, dass sie ihr Potential voll ausschöpfen: kurze Wege, hohe Dichte, gute Kommunikationswege und genutzte Freiflächen (auf den Dächern).

Die Urbanfarmers machens vor.

18. Mai 2014 (Sonntag)

Europa liegt in Göttingen

Die Wahlen ins Europäische Parlament rücken die Frage nach der Identität Europas ins Zentrum. Eine Frage nach den Werten, aber auch nach der gemeinsamen Vergangenheit. Und es stellt sich auch die Frage, wie viel Brüssel und Strassburg überhaupt mit dem Alltag der Menschen in Europa zu tun haben. Eine Einschätzung.

SMS - eine kleine Ode

SMS - eine kleine Ode

Sie fliegen um die Welt, reichen von «Komme» (Punkt) bis «Mein Lieber, es war sehr schön mit dir, deine Küsse haben mich tief bewegt, und du hast schöne Hände, nur leider ...» (folgt lange Erklärung). Es gibt welche, die verbiegen sich mit «Sehr geehrter Herr Abt, ich habe mich leider verspätet», andere kommen schnoddrig daher wie «ha di gar nid wegdruckt.. has eif nid khört sorry», manche hart und ehrlich «f.u.». Sie sind die direkteste Schreibform, denn bei keiner anderen wird so dahingeredet in die Taste gehauen «Ish voll krasssmann, kacke hey <3», und unverwechselbar jeder Absender, der eine expressiv mit «Hadi MEEEEGA gärn», der andere schluddrig mit «Halo di,must mirsafen wemich falsh ge legen bun». Und mit jedem Absenden ein kleines Risiko, ob und was zurück kommt bei «Ich möchte dich gern wiedersehen» oder bei «Hebmi, jetz». Sie fordern auf zum Zurückschreiben, zum Dagegenschreiben, zum Weiterspinnen. Schweigen auf der anderen Seite ist Versagen am eigenen Text, fehlender Appeal, ist wie das Ende eines Gesprächs, wer schreiben muss «Hey, warum schweigst du», hat schon verloren. Schreiben wie Reden, ins Ungewisse hinein, für einen Text, der sich fortsetzt wie ein gemeinsam verfasstes Gedicht «Woane / zum Ives / bisch da oder nanig / nanig» oder «Spüre deine Hände noch, auf meiner Haut / auf meiner / Und ich hab deinen Geruch / deine Worte /  sehr / ja». Sie sausen dreihundertfünfzig Milliarden mal pro Jahr los, von Tokio nach Braunwald, vom Huancayo nach Novosibirsk, sind Textträger von Glück «Anna Sofia, 3150g, 03.17» und Drama «Egon von Bus angefahren, im Spital. Komm sofort». Und es gibt einen Ort, hoch oben am Himmel, zwischen Troposphäre und Stratosphäre, an dem sie sich sammeln, all die nie angekommenen SMS – sie schweben da oben, leicht und flockig, und verweben sich langsam zu neuen Texten «zum Ives / Hebmi / nur leider / voll krassmann / nanig».

Christoph Keller

 

 

28. Oktober 2014 (Dienstag)

Erregte Profession - über Journalismus heute

Erregte Profession - ein Beitrag über Journalismus heute, im edito+klartext

 

24. August 2015 (Montag)

Mittelmeer, und was daraus wurde

 

MITTELMEER, UND WAS DARAUS WURDE

 

Von Christoph Keller

 

Es gibt auf der Insel Lampedusa eine kleine Kappelle, weiss getüncht, sie steht mitten in der Landschaft. Die Fassade schlicht, ein schlanker Turm, und hinter dem Eingang eine Grotte mit drei Gebetsstätten, eine für Juden, eine für Muslime, eine für Christen.

            Das Santuario della Madonna di Porto Salvo war über Jahrhunderte ein gemeinsamer Gebetsort für alle, die hier einkehren wollten. Sie war ein Zufluchtsort für Schiffbrüchige, die in der Kapelle stets warme Decken und etwas zu essen vorfanden, bereitgelegt von den Bewohnern Lampedusa.

            Die Tradition, dass man Flüchtlingen zu Hilfe kommt, hat sich gehalten, auf Lampedusa. «Wenn Lampedusa in der Lage ist, einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich die Einwanderungs- und Asylpolitik in Europa ändert, dann wäre das meiner Meinung nach eine tolle Sache», sagte die Bürgermeisterin der Insel, Chiusi Nicolini, in einem Interview.

            Auch die Stadt Tarifa, ganz im Süden Spaniens gelegen, ist offen für jene, die übers Meer kommen.

            Die Kleinstadt, im Sommer von Touristen überrannt, war seit vielen Jahrhunderten Durchgangsort für Menschen aus allen Gegenden. Berber, Fatimiden, Wikinger, Mauren, Spanier haben sich hier aufgehalten, die Stadt erobert, Handel getrieben, sich bekriegt und nebeneinander gelebt. Heute leben in Tarifa Menschen wie Nieves García Bonito, sie ist Lehrerin und erzählte mir, wie sie immer wieder mit ihren Schülern den Flüchtlingen zu Hilfe eilte, wenn sie auf dem Strand vor der Schule anlandeten. «Und viele legen über Nacht Kleider und etwas zu essen vor die Haustüre, für die Flüchtlinge», sagte sie.

            Das Mittelmeer ist umgeben von Orten wie Tarifa, wie Lampedusa. Sie tragen die Spuren der vielfältigen, oft kriegerischen, oft aber auch friedlichen Begegnungen von Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen. Auf Djerba, der Insel auf Tunesien, befindet sich nach wie vor die grösste Synagoge im Maghreb, eine Kirche auch, und die Spuren maurischer Zivilisation finden sich nicht nur in Spanien, sondern auch versteckt an kleinen Orten wie Amalfi, wie Carloforte. Und es gibt, rund ums Mittelmeer, gerade an den Küsten, gerade deshalb Städte und Dörfer, die Flüchtlinge offen empfangen. Orte, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Acireale auf Sizilien, wo Freiwillige den Flüchtlingen italienisch beibringen, auch in Catania, wo viele ankommen, wird geholfen, vielerorts. Nicht von den Behörden, von Freiwilligen.

           Einmal mehr zeigt sich, dass diejenigen, die lange schon unmittelbar mit den sogenannt Fremden zu tun hatten, wenige Ängste haben. Sie leben (bei allem Konflikten) die Tradition des Mittelmeers fort, einen Raum des Tauschs, des Austauschs, des Widerspruchs auch. Sie sind, wie es der grosse Mittelmeerforscher Fernand Braudel ausdrückte, Ausdruck einer «aus Ungleichartigem zusammengesetzen Welt», die vielgestaltig ist und in steter Veränderung, in der Kriege ebenso Tradition haben wie grossherzige Gastfreundschaft.

            Die Grenzen werden woanders gezogen.

            Sie werden dort ausgedacht, wo die Realitäten nur von fern gesehen werden, in den europäischen Hauptstädten, in Brüssel. Grenzziehungen, die im Widerspruch stehen zu dem, was den Raum des Mittelmeers ausmacht – sie werden sichtbar an den Zäunen von Melilla, an den Grenzbefestigungen in Griechenland. Sie zeigen sich im Stadion der Insel Kos, wo Flüchtlinge zusammengepfercht werden, sie werden markiert mit bei der Installation gigantischer Radaranlagen in der Strasse von Gibraltar.

            Das Mittelmeer ist in den Köpfen vieler zu einer Grenze geworden, die es zu verteidigen gilt vor denen, die übers Meer kommen, von weit her. Aber vielleicht hilft erstmal die Einsicht, dass diese Grenze zu nichts nütze ist, weil sie ohnehin überschritten wird, unter Einsatz des Lebens.

      Und vielleicht ist es auch hilfreich, in einer Zeit, in der Flüchlinge an die Haustüren in Passau klopfen, in Mailand stranden, in Calais auf ihre Weiterreise hoffen, den Raum des Mittelmeers neu zu denken. Denn er ist weitläufig geworden, gross. Er reicht von Timbuktu, Nouakschott, Mossul, Tanger und Teheran weit hinein in den Norden, reicht bis nach Birmingham, nach Oslo, nach Wien, nach Bümplitz, also überallhin, wo Menschen anlanden, die übers Meer gekommen sind.

      Dort sind jetzt mediterrane Tugenden gefragt, wie im Santuario della Madonna di Porto Salvo auf Lampedusa.

 

Erscheint in «Die Stimme», dem Organ der Anlaufstelle für Sans Papiers in Basel

 

17. Januar 2016 (Sonntag)

Abtauchen ins Mittelmeer

OZEANISCHE WELTEN

VORTRAG BEI DER ERÖFFNUNG DES BASLER JUGENDBÜCHERSCHIFFS

09. JANUAR 2016

CHRISTOPH KELLER

 

Sehr geehrter Herr Regierungsrat,

sehr geehrte Damen und Herren

und vor allem – liebe Jugendliche –

 

es freut mich sehr, Sie heute Abend zu einer kleinen nautischen Reise verführen zu dürfen.

Nein, nicht übers Meer wird es gehen, sondern unterm Meer hindurch, in die Tiefen. Mal werden es nur ein paar wenige Meter sein, wir werden die Schrauben der Schiffe über uns hinweg noch hören, wir werden das gepeitschte Wasser noch sehen, helle Blasen im Sonnenlicht. Dann aber werden wir herabsinken, dortin, wo es nur noch dunkel ist und so still wie in der Steinwüste von Tamanghasset, wenn der Wind sich gelegt hat und kein Sandkorn sich mehr regt.

Und ja – wir werden nur ein bestimmtes Meer durchtauchen, und auch dieses nur teilweise.

Das Meer, das ich gut kenne, als Segler, als gelegentlich Schnorchelnder, als Reisender, als Autor einer Geschichte, die in diesem Meer ihren Anfang nimmt und auch ihr Ende, es ist das Meer von Abdoulaye, dem Protagonisten in meinem Buch, dem Flüchtling aus Mali, es ist das Meer von Claude, der auf diesem Meer Schiffbruch erleidet, und es ist das Meer, das uns geografisch und kulturell am nächsten liegt – das Mittelmeer.

Ein kleines Meer, in der Tat, aber vielleicht werden wir auf unserer Unterwasserreise Einsichten gewinnen, die auch für andere Meere dieser Erde gültig sind. Denn hier wie dort haben die Tiefen des Meeres mehr mit den Menschen da oben zu tun, als wir meinen – mit denen an den nahen Küstenstädten, den Dörfern, aber auch mit denen auf dem flachen Land, weit ab vom Mare nostrum, unserem Meer.

Bereit also zu einem Tauchgang?

Dann mal los.

Sieben mal werden wir abtauchen.

 

 

1.

 

Wir stehem am südlichsten Zipfel Spaniens, in Tarifa, der kleinen, schmicken Stadt, die hinüber nach Afrika blickt, nach Marokko, über die Meerenge von Gibraltar, dem estrecho. Genauer gresagt – wir stehen mitten auf dem schmalen Damm, der die Stadt verbindet mir der Isla de las Palomas.

Für heute vergessen wir:

Dass hinter den Mauern des unansehnlichen, grobschlächtigen alten Forts auf der Isla ein Auffanglager für Flüchtlinge eingerichtet ist, für Menschen, die von Marokko her übers Meer kamen. Es geschafft haben, trotz der riesigen Radaranlagen beidseits des estrecho, sie haben die Patrouillen der spanischen Marine überlistet, es sind Menschen, die am Strand gelandet sind, an dem Strand, den wir sehen, von hier aus. Sie kamen an, mitten in der Nacht, und es wurde ihnen geholfen, denn da waren Anwohner, die Menschen von Tarifa – mit warmen Kleidern, mit Essen, mit Schuhen. Einige kamen auch bei Tag, und Nieves García Benito, die Lehrerin in der Schule über dem Strand, sie ist dann jeweils mit der ganzen Schulklasse zum Strand gegangen, um zu helfen. Jahrelang ging das so, berührende Begegnungen sind da entstanden, und Nieves García Benito ist noch heute die zentrale Figur jener Menschenfreundlichkeit, die die Bewohner von Tarifa auszeichnet. 

Por la Via de Tarifa heisst das Buch, das sie geschrieben hat.

Wir gehen in die umgekehrte Richtung, und untendurch.

Nicht rechter Hand, dort, wo ein grosses Schild anzeigt «ATLANTICO», sondern links beim Schild «MEDITERRANEO». Wir warten, bis die Fähre nach Tanger, dieses rote Ungetüm das Hafenbecken verlassen hat, klettern behutsam über die Felsen, suchen eine geeignete Stelle – und holen tief Luft.

Wie ein Fisch schwimmen wir davon, kräftig, wie ein Orca, ein Schwertwal, wir sind in guter Gesellschaft, denn hier wimmelt es von Walen aller Art. Wir lassen die Küste rasch hinter uns, siehen Kilometer weit, bis in die Mitte der Strasse von Gibraltar, und wir lassen uns absinken hier, langsam, langsam. Es wird dunkel, still, und wir meinen, wir würden stillstehen. Aber weit gefehlt, wir bewegen uns, ziemlich schnell sogar, denn uns hat eine gewaltige Strömung erfasset, sie treibt uns ostwärts, ins Mittelmeer hinein. Waren wir klug genug, um ein wasserdichtes GPS mitzunehmen, könnten wir unsere Geschwindigkeit messen – dreieinhalb bis fünf Kilometer pro Stunde, je nach Gezeiten sind es.

Hervorgerufen wird dieser Strom durch den Niveauunterschied zwischen Atlantik und Mittelmeer – dieses liegt etwa eineinhalb Meter tiefer als der Atlantik, weil im Mittelmeer mehr Wasser verdunstet, als ihm durch Flüsse zugeführt wird. Und das Wasser aus dem Atlantik ist salzarmer, leichter, also rauscht es ins Mittelmeer hinein, während tiefer unten, dreihundert Meter und noch weiter hinab, ein anderer Strom rauscht – ein salzhaltiger, also schwerer Wasserstrom, der Wasser aus dem Mittelmeer hinaustransportiert, hinaus in den Atlantik. Ein Strom, den die Phönikier bereits nutzten, um gegen den Oberflächenstrom voranzukommen, wenn sie hinaus auf den Atlantik wollten, indem sie Treibanker absenkten, hinab in die Tiefe des ausströmenden Wassers.

Ein gewaltiges Pumpwerk.

Und dieses Pumpwerk ist nur eines unter sehr vielen im Mittelmeer, weil das Meer ist wie ein grosser, atmender Oganismus, der durch warme und kalte, salzhaltige und salzarme, flache und breite Strömungen am Leben erhalten wird; und darum ist das Wasser vor Nizza oft kälter als anderswo, deshalb gibt es in der Strasse von Messina gefährliche Mahlströme, die schon Odysseus zum Verhängnis wurden, darum kann es mitten im Sommer plötzlich Nebel geben vor der Südspitze Sardiniens. Und wir lernen, dass das Meer nicht nur eine grosse Pumpe ist, sondern dass es verantwortlich ist für unser Klima – dass die steigenden Temperaturen des Mittelmeers das Wetter in Europa beeinflussen, ist mittlerweile gesichert, aber nicht nur das:

Dem Mittelmeer droht, wenn nicht bald etwas geschieht, der langsame Tod.

Das Wasser, in dem wir gerade schwimmen, ist angenehm warm, und tatsächlich – die Temperatur des Mittelmeers ist in den vergangenen 25 Jahren bereits um 0,75 Grad gestiegen, berechneten die Forscher des Projekts «Mediterranean Sea Acidification in a changing climate», und steigende Temperaturen bedeuten den Tod vor allem jener Pflanzenart, die für die Sauerstoffzufuhr des Mittelmeers lebenswichtig ist, die Posidonia, das Seegras.

Was wir also durchtauchen, in den nächsten Stationen, ist vor allem eins: ein gefährdetes Meer.

Aber prustend tauchen wir auf und sehen vor uns den Hafen von Ceuta. Willkommen in Afrika!

 

 

2.

 

Ceuta, die spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, verdankt ihren Namen den sieben Hügeln, welche die Stadt umgeben, Djibel Musa auf arabisch, aber die Römer nannten Hügel «Septem Fratres», und daraus entstand die Kurzform Septa, arabisch Sephta für Sieben, und dann eben: Ceuta.

Namen sind immer auch Erinnerung, sind Teil der Geschichte, das ist für Städte und Dörfer nichts Neues.

Aber was ist, wenn wir wieder abtauchen, uns davonmachen unter Wasser, wenn wir ostwärts tauchen, zunächst zweihundert Meter tief, hinab in die hügeligen Untergründe des Meeres. Warum heisst dieses Gebirge unter Wasser, das unvermittelt vor uns auftaucht, ein mächtiger Hügel – warum heisst der «Xauen Bank», und jener spitze, hoch aufragende Unterwasserberg vor Al Hoceima, warum heisst der «Tofiña Bank». Der Namen «Xauen» verweist auf die Stadt Chefaouen am Ufer, so weit ist alles klar, aber für die Herkunft des Namens «Tofiña» finden wir keinen Hinweis.

Wir lernen:

Auch hier, tief unter der Wasseroberfläche, in diesen unterirdischen Tälern und Hügellandschaften, ist vieles mit Namen versehen, mit Bezeichnungen. So könnten wir den Fischern von Al Hoceima mitteilen, wir hätten Fischschwärme gesehen zwischen der «Tofiña» Erhebung und dem Alboran-Riff, und sie wüssten genau, welche Stelle des Meeres wir meinen. Und die Tiefseeforscher, ganz klar – sie könnten es nachvollziehen, wenn wir sagten, dass wir uns nun auf 1007 Metern unter der Meeresoberfläche befinden, und abtauchten ins riesige, fast zweitausendsiebenhundert Meter tiefe Algerische Becken, das sich weit Richtung Osten zieht.

Und es ist alles kartografiert, vermessen, da unten.

So bewegen wir uns denn über Landschaften mit Namen, gedacht zur Verständigung unter Ozeanographen, Geologen, Kartographen. Sie waren es, die am Internationalen Geographischen Kongress in Berlin achtzehnhundertneunundneunzig den Beschluss fassten, eine umfassende Tiefenkarte der Ozeane anzufertigen, um die Landschaften da unter Wasser zu erfassen. So wollte es auch Fürst Albert der Erste von Monaco, der neunzehnhundertdrei die Richtlinien für die Gestaltung der ersten Bathymetric Chart of the Oceans festlegte, und bereits neunzehnhundertvier lagen für das Mittelmeer achtzehntausendvierhundert Lotungen vor, achtzehntausendvierhundert Mal wurde ein Faden in die Tiefe gelassen, die Länge gemessen, achtzehntausendvierhundert Mal ein Punkt auf der Karte eingetragen, bis sich ein Bild ergab von einer Landschaft unter der Oberfläche, eine Arbeit von unendlicher Mühe bis zum Einsatz des Echolots zu Beginn der neunzehnzwanziger Jahre.

Nicht nur die Ufer des Mittelmeers wollten erobert sein, sondern auch deren Tiefen.

  Erdölkonzerne sind an dem interessiert, was unter dem Meeresuntergrund liegt, die Explorationen gehen tiefer, heute. Mit Druckluftkanonen, die ein Mehrfaches an Lärm eines Düsenjägers verursachen, wollten der schottische Konzern Cairn Energy und die britische Firma Spectrum Geo Limited vor Ibiza und Mallorca nach Öl und Gas suchen – der Protest der Menschen auf den Inseln war so gross, dass das Vorhaben aufgegeben wurde.

Vorderhand.

 

3.


Mit einer Delfinschule haben wir die weite Sardino-Balearische Ebene durchschwommen, vorbei an den Felibres-Hügeln, den Calypso-Hügeln, und dann, ganz plötzlich, steigt der Meeresgrund an, tausend Meter und mehr. Wir nehmen ein tiefes Tal, steigen auf, bis das Wasser nur noch etwa hundert Meter tief ist.

Linker Hand liegt jetzt Marseille.

Und nein, wir steigen nicht auf bis zur Wasseroberfläche. Denn es ist Sonntag, und sonntags fahren alle, die es sich leisten können, mit ihren kleinen, grossen, mittelgrossen Motorbooten von Bucht zu Bucht, alle auf der Suche nach maritimer Einsamkeit. Ein regelrechtes Gewusel ist auf dem Wasser, und selbst unter Wasser sind sie zu hören, die Motoren, die Schrauben, die das Wasser durchpflügen, und niemandem Ruhe lassen, auch nicht den Fischschwärmen da unten.

Wir suchen den Eingang zu einer Höhle, unter Wasser.

Es ist der Eingang zu einer Grotte, die vor rund 27'000 bis 19'000 Jahren bewohnt war, die Grotte Cosquer, benannt nach ihrem Entdecker, dem professionellen Taucher Henri Cosquer, der den Eingang zur Grotte 1985 erstmals entdeckte. Ein langer, 175 Meter langer Schacht führt unter Wasser zur Grotte, er ist schwierig zu durchtauchen, drei Taucher mussten hier ihr Leben lassen; wir tasten uns vorsichtig voran, tauchen auf und finden uns in einer riesigen Höhle wieder. An den Wänden, das sehen wir im Schein unserer Taschenlampen, die Abbildungen von Tieren – Hirsche, fliehende Pferde – Vögel, darunter auch Pinguine, und immer wieder Hände; kostbare Zeugen davon, dass hier Menschen ihre Spuren hinterlassen haben.

Doch warum liegt diese Grotte unter Wasser.

Die Antwort ist einfach.

Zu der Zeit, als Menschen in dieser Grotte ein und aus gingen, vielleicht darin gewohnt haben, vielleicht aber hier nur ihre Rituale durchführten – zu der Zeit lag der Spiegel des Mittelmeers etwa 100 bis 120 Meter unter dem heutigen Niveau. Das ganze Meer vor dem heutigen Marseille war eine grosse, vermutlich grün blühende Ebene, das Ufer des Mittelmeers lag etwa 11 Kilometer vor der Grotte Cosquer. Die letzte Eiszeit hatte dazu geführt, dass sich in der nördlichen und in der südlichen Hemisphäre enorme Eismassen bildeten, eigentliche Bunker von Wasser – Wasser, das aus den Meeren gewissermassen abgezogen wurde. Und – erst mit dem Beginn des Holozäns, dem Ende der Eiszeit, stieg der Meeresspiegel wieder an, und er blieb stabil bis beinahe heute.

Das Mittelmeer, wie andere Meere auch, verändert sich mit dem Klima.

Heute dehnt es sich aus, es wächst, es steigt an.

Um bis zu 6 Centimeter könnte der Meeresspiegel des Mittelmeers ansteigen, wenn die Erdtemperatur sich um 2,5 Grad erwärmt, das sind die gesicherten Daten aus vielen Studien. Um wie viel mehr sich der Meeresspiegel anheben würde, wenn die Menschheit es nicht schafft, die Temperatur des Planeten unter 2 Grad zu halten, ist nicht voraussehbar, weil auch im Mittelmeer gilt, was bei anderen Klimaphänomenen zu beobachten ist: dass unkontrollierbare Effekte auftreten können, wenn einmal ein bestimmer Punkt, ein sogenannter «Tipping Point», ein Kipppunkt, erreicht ist.

Nicht undenkbar, dass in hundert Jahren Taucher sich auf hoher See ins Wasser fallen lassen, und wenn wir sie fragen würden, wonach sie tauchen, sagten sie uns «nach Sainte-Marie-Majeure de Marseille, man weiss das schon gar nicht mehr, die frühere Cathédrale de la Major von Marseille».

 

4.

Das Meer, meine Damen und Herren, werte Jugendliche, das Meer in dem wir unterwegs sind – es ist höchst lebendig.

  Es pulsieren in seinem Untergrund tiefliegende Strömungen, seine Täler und Furchen tragen eigene, teilweise seltsame Namen, es ist geschrumpft über die Jahrtausende, es dehnt sich wieder aus; und natürlich ist es belebt, unzählige Fische, haben unsere Wege gekreuzt, tief unten im Meer, Tintenfische, Rochen, Delfine, Orcas, Quallen in allen Farben.

Aber – hat das Leben, hat die Geschichte auch Spuren hinterlassen, im Meer.

Sanft und beschaulich schweben wir der korsischen Küste entlang, durch die Strasse von Bonifacio, immer wieder bewegt von den Wellen, die der scharfe Maestrale auftürmt. Unser Blick ist auf den Meeresboden gerichtet, denn wir wissen – hier, zwischen den Inseln des Archipels von La Maddalena, in dieser Meeresenge, in denen oft heftige Stürme toben, hier müssen Wracks von Schiffen besonders zahlreich sein. Aber wir sehen sie nicht, und wir sehen sie auch andernorts nichts – sehen nicht die Resten der Piratenschiffe, die vor der Küste Amalfis ihr Unwesen trieben, wir sehen nicht die Wracks der pfeilschnellen Galeeren der Sarazenen, nicht einmal historische Ereignisse wie die Seeschlacht von Lepanto, mit der die jahrzehntelange Herrschaft der Türken im östlichen Mittelmeer beendet wurde, eine Schlacht mit tausenden Toten und hunderten versenkten Schiffen, nicht einmal diese Schlacht zeigt sich am Meeresuntergrund. Die Ereignisse der Zeit, sie sind von Sand und Schlick überzogen, keine Ruinen säumen den Meeresboden, wie zu Land, nicht einmal Erhebungen, die auf Bauten schliessen lassen; alles verschwindet, und es braucht viel Anstrengung, oder es braucht Glück, um einen Schatz wie den des gesunkenen Frachters vor Antikithera bergen zu können. Einzig die unzähligen Wracks aus neuerer Zeit, die abgestürzten Flugzeuge, die Fregatten, die Unterseeboote, die gesunkenen Frachter und die Passagierschiffe, die mit Mann und Maus untergingen, sie sind noch sichtbar, grandiose, gebrochene, unheimliche Zeugen ihrer selbst, Schiffe und Flugzeuge, die nicht dorthin gehören.

Und auch sie wird das Meer langsam korrodieren, mit Sand und Schlick zudecken, irgendwann.

In vielen hundert Jahren werden vielleicht wieder Taucher tauchen, ausgestattet mit ihren Sonaren und ihren Ultraschallgeräten, sie werden in den Sedimenten des Meeres nach den Umrissen alter B52-Bomber forschen, sie werden die allerletzten Überreste der Heaven, jenes Tankers, der im Golf von Neapel explodierte und sank, erkunden und versuchen, seine Dimensionen zu erkennen.

Wird es aber, frage ich mich, auch letzte lesbare Spuren geben von dem, was sich seit ein paar Jahren im südlichen Mittelmeer abspielt, vor Lampedusa, bis hin zur libyschen Küste.

Was wird noch sichtbar sein von der Tragödie, die sich auf diesem Meer Tag für Tag abspielt. Die tausenden, die abertausenden Flüchtlinge, die hier ertrunken sind, welche Spuren hinterlassen sie in diesem Meer – die Wracks der morschen Barkassen, sie werden rasch zerfallen, die Schlauchboote, sie werden an irgendwelchen Küsten angetrieben, und wer auf diesen Booten unterwegs war, der trug so wenig auf sich, dass nichts auf dem Meeresboden auffindbar sein wird. Eine Münze vielleicht, aus Asmara mitgebracht als Glücksbringer, der Talisman eines Féticheurs aus Gao, eine Haarspange, vor Jahren gekauft auf dem Markt von Aleppo, als die Zeiten noch friedlich waren.

 

5.

Vor Lampedusa sind wir gelandet.

Und hier steigen wir aus dem Meer.

Etwas aufgeweicht von der langen Unterwasserreise, der eine oder der andere von uns hat Seetang im Haar, unser Blick, an die Halbdunkelheit unter Wasser gewöhnt, scheut das Sonnenlicht. Blinzelnd machen wir uns auf den Weg, etwas schwankend auch, weil wir das Gehen kaum mehr gewohnt sind, steigen über Stock und Stein.

Bei einem Fischer, der seine Netze flickt, erkundigen wir uns nach der eine kleinen Kappelle, wir wissen, sie ist weiss getüncht, sie steht mitten in der Landschaft. Die Fassade schlicht, so hat man es uns erzählt, ein schlanker Turm, und hinter dem Eingang eine Grotte mit drei Gebetsstätten, eine für Juden, eine für Muslime, eine für Christen.

            Das Santuario della Madonna di Porto Salvo, das erzählt uns der Fischer, war über Jahrhunderte ein gemeinsamer Gebetsort für alle, die hier einkehren wollten oder mussten. Er war ein Zufluchtsort für Schiffbrüchige, die in der Kapelle stets warme Decken und etwas zu essen vorfanden, bereitgelegt von den Bewohnern Lampedusa. Und bis heute ist er ein Zeichen dafür, dass Religion und Herkunft keine Rolle spielen, wenn Menschen in Seenot sind – in der Not sind alle gleich.

            Der Fischer, er wird uns vielleicht sagen, dass die die Tradition, Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen, sich gehalten hat bis heute, auf Lampedusa. Dass die Bürgermeisterin von Lampedusa, Chiusi Nicolini, als allererste diese Haltung vertritt, wenn sie sagt, ihre Insel müsse einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich die Einwanderungs- und Asylpolitik in Europa ändert.

            Und vielleicht erfahren wir hier, anhand des Santuario della Madonna di Porto Salvo, dass Orte wie Lampedusa die Spuren der vielfältigen, oft kriegerischen, oft aber auch friedlichen Begegnungen von Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen buchstäblich auf sich tragen. Wir lernen, dass es rund ums Mittelmeer, gerade an den Küsten, viele Städte und Dörfer gibt, die Flüchtlinge offen empfangen. Orte, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Acireale auf Sizilien, wo Freiwillige den Flüchtlingen italienisch beibringen, auch in Catania, wo viele ankommen, wird geholfen, vielerorts. Nicht von den Behörden, von Freiwilligen.

           Der Fischer wird vielleicht aufs Meer hinausschauen und auf eine dieser dümpelnden, kaum seetüchtigen Barkassen zeigen, die am Horizont auftaucht. Mag sein, dass er uns darauf hinweist - diejenigen, die lange schon unmittelbar mit den sogenannt Fremden zu tun hatten, haben am wenigsten Ängste. Die Menschen auf Lampedusa leben (bei allem Konflikten) die Tradition des Mittelmeers fort, einen Raum des Tauschs, des Austauschs, des Widerspruchs auch. Sie sind, wie es der grosse Mittelmeerforscher Fernand Braudel ausdrückte, Ausdruck einer «aus Ungleichartigem zusammengesetzen Welt», die vielgestaltig ist und in steter Veränderung, in der Kriege ebenso Tradition haben wie grossherzige Gastfreundschaft.

            Aber nehmen wir wieder tief Luft, wir tauchen nochmals ab.

 

6.

 

Der vorletzte Tauchgang, wir kreuzen jetzt die vielbefahrene Route zwischen Lampedusa, Pantelleria, Malta und dem tunesischen Festland.

Nicht an die lybische Küste wollen wir, das wäre zu gefährlich, aber Tunesien geht, wenn wir tief genug tauchen, um nicht in gefährlichen Kontakt einem der Cargoschiffe zu kommen, mit einem Tanker, einem Patrouillenboot der Marine.

Wir halten Kurs, gelangen an unser Ziel, der Strand von Zarzis ist in Sichtweite.

Es ist Morgen, und wir sind gerade noch rechtzeitig angekommen, um einen Mann zu beobachten, der dem Strand entlang geht, einen grossen Sack über die Schulter geworfen. Er geht, bückt sich, wirft eine Plastikflasche in den Sack, noch eine, einen Schuh jetzt, dann ein Stück Holz, wieder einen Turnschuh, eine Plastiflasche. Jeden Morgen ist er anzutreffen, an diesem Strand, Lihidheb Mohsen, er sammelt Treibgut zusammen, alles, was das Meer auf den Strand spült – das, was von den untergegangenen Flüchtlingsbooten übrigbleibt, das, was Menschen ins Meer warfen in ihrer verzweifelten, unberechenbaren Flucht.

Lihidheb Mohsen, er war früher Postbote, hat seit einigen Jahren vor seinem Haus in Zarzis, um sein Haus herum, mit den gesammelten Gegenständen ein Museum errichtet, unter offenem Himmel. Eine Art Universum, riesige, an astronomische Karten erinnernde Kreise, Skulpturen, alles gebaut aus dem Treibgut, aus Petflaschen, aus Tauen, aus den Planken der untergegangenen Boote, aus den Turnschuhen. Lihidheb Mohsen, er ist ein Künstler, einer, der aus dem, was das Meer an Verzweiflung zurückspült, aber auch aus ökologischem Gewissen heraus, der Natur und den Menschen ein Denkmal und ein Ort der Erinnerung errichtet hat, es ist einzigartig auf der Welt.

Wir sehen ihn, wie er geht, den Strand reinigt, sammelt – eine Boje, ein Brett, Petflaschen, zu Dutzenden.

Und ja, er hat auch schon Leichen gefunden, auf seinen morgendlichen Gängen.

 


7.

Es gibt eine, die sammelt nicht Dinge aus dem Meer, die legt sich kein Museum an mit Dingen, die sie vom Meer aufgesammelt hat. Sie hat sich ein lebendiges Museum angelegt, oder besser: einen kleinen Garten im Meer.

Wie wir dahin kommen?

Wir folgen ganz einfach dem Weg, den eine geplante Erdgaspipeline von Algerien nach Sardinien nehmen sollte, ein gigantisches Projekt zu der Zeit, als der italienische Staatspräsident Silvio Berlusconi noch an der Macht war und Grosses träumte. Eine Pipeline, die durch Sardinien hindurch geleitet worden wäre, von dort weiter zum italienischen Festland.

Zum Glück ist aus dem Projekt nichts geworden.

Denn die Pipeline, deren projektierten Verlauf wir nun folgen, es hätte diesen kleinen Garten durchquert und zerstört, den kleinen Unterwassergarten, den wir nun aufsuchen werden.

Er gehört einer Frau, die mir, als ich mit ihr sprach, sagte, sie sei «mehr mit dem Meer verbunden, als mit dem Land». Chiara Vigo, in die Jahre gekommen, wohnhaft in Sant’Antioco, ganz im Süden Sardiniens, sie steigt noch jede Woche einmal ins Meer, um ihren Garten zu besuchen, ihre Zöglinge. Vielleicht treffen wir sie an, wenn wir die seichten Gewässer rund um Sant’Antioco erreichen, Chiara Vigo mit ihrer Taucherbrille, und vielleicht führt sie uns herum, zeigt sie uns: ihre Seidenmuscheln.

Seidenmuscheln, das sind die geheimnisvollen Bewohner der Tiefen, grosse Muscheln, bis zu einem Meter gross werden sie, leben still und stumm zwischen den Felsen, sie lieben die Gesellschaft der Posidonia, des Meeresgrases, das im Mittelmeer für die stete Zufuhr an Sauerstoff sorgt. Schimmernd ihr Inneres, das Äussere oft grau, von anderen Muscheln überzogen, sie leben diskret, die Seidenmuscheln. Als wüssten sie um die Kostbarkeit, die sie an sich tragen.

Chiara Vigo kennt sie, und sie zeigt sie uns, die Kostbarkeit. Die feinen, aber enorm starken Fäden, mit denen die Seidenmuschel sich festkrallt im Meeresboden, sie sind der Rohstoff für das, was Chiara Vigo als das «Gold des Meeres» bezeichnet – Fäden wie Seide, goldschimmernd, kostbar, die Muschelseide.

Früher gab es auf Sant’Antioco und im Golf von Taranto, aber auch auf Sizilien, eine schon fast industrielle Gewinnung von Muschelseide. Kostbare Gewänder, vor allem kirchliche wurden mit Muschelseide bestickt, reiche Familien leisteten sich Decken mit Stickereien aus Muschelseide; aber längst gibt es diese Industrie nicht mehr, die Seidenmuschel wurde um ein Haar ausgerottet, sie steht heute unter strengem Schutz.

Und Chiara Vigo, die Frau des Meeres, sie wacht über Seidenmuscheln im Golf von Antioco.

Sie weiss, dass das Meer, das Wasser, die ganze maritimie Umwelt gesund sind, wenn es den Seidenmuscheln gut geht; denn Seidenmuscheln sind sogenannte Bioindikatoren, werden in vielen wissenschaftlichen Projekten verwendet, um die Qualität der Meeresumwelt zu messen.

Die wenigen Fäden, die sie sorgfältig bei den Seidenmuscheln wegschneidet, immer nur so viel, dass die Seidenmuschel, der «bisso», wie er in Italien genannt wird, keinen Schaden nimmt – die wenigen Fäden verarbeitet sie in ihrem kleinen «Museo del Bisso» in Sant’Antioco. Auch dorthin wird sie uns führen, bei unserem Besuch, wird uns zeigen, wie sie die Seide verarbeitet, zu langen, goldenen Fäden, die aus dem Meer kommen.

Sie wird sagen, uns und allen Besuchern, die zu ihr ins Museum kommen, und es sind viele, die kommen: dass wir Acht geben müssen auf das Meer.

Und wenn wir Glück haben, wird sie uns ihr Gedicht rezitieren, ihr Gedicht ans Meer, in dem es heisst:

 

Che sia la mia vita

per Essere, Pregare e Tessere

per ogni gente

che da me va e da me viene

senza tempo, senza nome, senza colore, senza confini,

senza denaro

 

            Mein Leben, sagt Chiara Vigo, ist Dasein, Verehren und Weben / für alle Menschen / die von mir weggehen, die zu mir kommen / die Zeitlosen, Namenlosen, von jeder Hautfarbe, ohne Grenzen / und ohne Geld.

            Ich danke Ihnen.

 

 

21. Februar 2016 (Sonntag)

Über Unrecht abstimmen?


Über Unrecht abstimmen?

Von Christoph Keller

 

Nun habe ich meine Stimme abgegeben zu dieser Initiative, die vorgibt, etwas durchsetzen zu wollen, die aber, so die mittlerweile gefestigte Meinung, den Rechtsstaat aushebelt. Ich habe abgestimmt über eine Initiative, die, so sagen mir alle ernst zu nehmenden Rechtsexperten, die Grundrechte massiv verletzt, das Völkerrecht verletzt und die bilateralen Verträge. Und ich habe «Nein» gesagt zu einer Initiative, die grundlegende Prinzipien unseres Rechtsstaats aushebelt, unter anderem das Prinzip der Verhältnismässigkeit.

Ein schales Gefühl bliebt da zurück.

Denn ich frage mich, was mir da eben zugemutet wurde mit dieser Stimmabgabe?

Mir wurde gerade eben gerade zugemutet, über eine Unrechtsinitiative abzustimmen, über eine Initiative, die, wenn sie angenommen würde, das Recht mehrfach verletzen würde. Und ich frage mich, ob das eigentlich zumutbar ist in einem Staatswesen, in dessen Verfassung in Artikel 5 zu lesen ist «Grundlage und Schranke staatlichen Handelns ist das Recht». Mein Unbehagen ist gross, meine Sorge auch – darf ich denn als Bürger an der Urne dazu aufgerufen werden, über Recht oder Unrecht zu urteilen?

Um es deutlich zu machen:

Nicht der Umstand erschüttert mich, dass eine Gruppe rechtsgesinnter Politiker mit der Idee, die Schweiz von sogenannt «ausländischen» Kriminellen zu reinigen, eine Initiative lanciert. Denn das Schöne an der direkten Demokratie ist ja gerade, dass sich die Anhänger von geschwungenen Kuhhörnern ebenso wie die Freunde eines gesicherten Grundeinkommens zu einem Initiativkomitee zusammenschliessen dürfen, um auf diesem friedlichem Weg für ihr Anliegen einzustehen. Das Schöne an der direkten Demokratie ist, dass hier utopische, manchmal auch abstruse Vorhaben formuliert werden können – etwa die Initiative zur Abschaffung des Sexualunterrichts an den Schulen, oder die Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit; und in welchem Land wurde schon über die Abschaffung der Armee abgestimmt.

Kurzerhand – Initianten dürfen vieles, sie dürfen auch über die Stränge hauen.

Aber darf ich von Parlament und Bundesrat nicht erwarten, dass die Abstimmungsfrage, die ich in meinem Stimmcouvert vorfinde, im Rahmen des Rechts steht, egal ob ich für oder gegen eine Vorlage stimme?

Zur Erläuterung:

Die Frage an mich als Stimmbürger, ob der Gotthard mit einer zweiten Röhre zu durchbohren sei, steht im Rahmen des Rechts. Rechtens ist etwa die Frage an mich als Stimmbürger, ob ich auf eine Zukunft mit oder ohne Atomkraft setzen möchte, ob ich mich für oder gegen eine flexible Altersrente ausspreche, ob ich internationale Konzerne stärker besteuern will oder nicht. Rechtens sind diese Fragen deshalb, weil sie ungeachtet des Abstimmungsergebnisses die verfassungsmässige Ordnung nicht sprengen. Wie auch immer die Abstimmung ausgeht – kein Menschenrecht wird verletzt, keine völkerrechtlichen Verträge stehen zur Disposition, niemand wird in seiner Würde herabgesetzt, es kommt zu keiner Diskriminierung.

Anders bei der Durchsetzungsinitiative.

Sie ist eine Unrechtsinitiative, denn hätte ich ihr zugestimmt, wäre ich zum Rechtsbrecher geworden – zum Rechtsbrecher in mindestens dreifacher Weise, und ich hätte den Verfassungsgedanken grundlegend verletzt:

> Rechtsbrecher, weil die Durchsetzungsinitiative einen rigiden Ausschaffungsautomatismus in die Verfassung schreibt, hebelt sie erstens das Verhältnismässigkeitsprinzip, eines der tragenden Fundamente unseres Rechtsstaates, in ihrem Kern aus. Kein Richter, keine Vollzugsbehörde soll mehr einen Ermessensspielraum haben, um zu beurteilen, ob der vorbestrafte amerikanische Staatsbüger wegen eines Verkehrsdelikts, ob die Sozialhilfebetrügerin aus Norwegen die Ausschaffung in ihr Herkunftsland verdient haben; damit folgt diese Initiative einer ähnlichen Rechtslogik wie der eines Schergentribunals in Rakka oder in Riad.

> Zweitens diskriminiert diese Initiative in willkürlicher, nicht nachvollziehbarer Weise einen Teil der hier lebenden Bevölkerung. Sie besagt, dass der Vergewaltiger mit Schweizer Pass, der erst seit ein paar Monaten im Land wohnt, weniger Bestrafung verdient als der Vergewaltiger ohne Schweizer Pass, der seit Geburt in der Schweiz lebt. Damit schafft die Initiative eine Differenz zwischen Autochthonen und Zugewanderten, die zurückgeht auf eine kulturalisierende, letztlich rassistische Ideologie. Sie verletzt, indem sie einzig auf die Kategorie «Ausländer» abstellt, in fundamentaler Weise grundlegende Menschenrechte, wie sie in der Europäischen Menschenrechtskonvention und in der Menschenrechtscharta der UNO festgeschrieben sind, von den bilateralen Verträgen mit der Europäischen Union nicht zu sprechen.

> Drittens – der Passus von Absatz 4 («Von einer Landesverweisung kann abgesehen werden, wenn die Tat in entschuldbarer Notwehr (Art. 16 StGB) oder in entschuldbarem Notstand (Art. 18 StGB) begangen wird») unterstellt mit dem Zusatz kann, dass Ausländer, die in einer entschuldbaren Überreaktion auf eine Situation reagieren, eventuell nicht ausgewiesen werden müssen, durchaus aber ausgeschafft werden können. Hier schafft die Initiative ein neues, enges Korsett für das Ermessen des Ausschaffungsrichters – eine Art Sonderrecht für Ausländer, das dem Gleichheitsgebot in durchschlagender Weise widerspricht; von hier aus ist der Weg nicht mehr weit zur Schaffung von Sondertribunalen für «Ausländer».

> Viertens usurpiert die Initiative den Verfassungsgedanken, indem sie sich mit einem Text, der von seinem Charakter her bestenfalls Gesetzesform hat, ins Grundgesetz einschreiben will. Sie macht die Verfassung endgültig zu einer legislatorischen Bastelbude und missachtet den allgemeingültigen Wert des Grundgesetzes. Damit zeigt der Initiativtext, worum es den Initianten letztlich geht, nämlich darum, die Verfassung zum Spielball gerade opportuner politscher Anliegen zu machen, mal auf die eine oder andere Weise populistisch gefärbt; so wird die Verfassung zum Spiegel der Verhöhnung des Rechtsstaates.

Aber nicht nur das.

Ich habe auch über eine Initiative abgestimmt, die (und darauf wurde mehrfach hingewiesen) zu unmöglichen, kaum praktikablen Umsetzungsproblemen führen würde: zu unendlich komplizierten Verfahren, zu einer Kostenexplosion im Strafvollzug (weil der Staat für die Anwaltskosten der Betroffenen aufkommen muss), zu einer Unzahl an Beschwerden an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, und so weiter. Und die Durchsetzungsinitiative wird zu einer neuen, verschärften Rechtsunsicherheit führen (sie ist schon nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitative gross genug), sie wird dem Wirtschaftsstandort schaden, weil jeder Arbeitnehmer, der aus dem Ausland hierherzieht, damit rechnen muss, wegen einer Bagatelle (etwa Missbrauch von Sozialgeldern) ausgeschafft zu werden; im besten Fall bleibt die Initiative, über die wir am 28. Februar abstimmen, toter Buchstabe in der Verfassung.

Und mir wird eine Abstimmung über eine solche Vorlage zugemutet.

Die ungeheuerliche Zumutung besteht darin, dass ich dem Dilemma ausgesetzt werde, ob ich mich mit einem Ja ausserhalb der verfassungsrechtlichen Normen stelle (wer für eine verschärftes Vorgehen gegen Ausländer ist, wird automatisch zum Usurpator der Verfassung), oder ob ich ein Nein einlegen soll, um nicht zum Handlanger einer Aushebelung des Rechtsstaats zu werden – auch wenn ich eventuell für eine Verschärfung des Ausländerrechts wäre, könnte ich aus prinzipiellen Gründen dieser Initiative nicht zustimmen dürfen. Indem ich mit einer Zustimmung zu dieser Initiative zum Rechtsbrecher werde, wird nicht nur meine freie Willensentscheidung an der Urne kompromittiert; die Initiative ruft mich und das «Stimmvolk» anhand einer Sachfrage auch implizit dazu auf, mit dem Abstimmungsgang am 28. Februar ein Urteil über Bestand oder Nichtbestand der verfassungsmässigen Ordnung abzugeben.

Darum darf es in einem Rechtsstaat nicht gehen.

Sollten Bundesrat und Parlament aber daran festhalten wollen, nach der Antiminarettinitiative, nach der Ausschaffungsinitiative, nach der Masseneinwanderungsinitiative und nun nach der Durchsetzungsinitative weitere Unrechtsinitiativen vors Volk bringen zu wollen – dann werde ich mit der Teilnahme an der Abstimmung zum Komplizen dieses einen, durchaus furchterregenden Gedankens gemacht: dass nämlich das Volk tatsächlich «immer Recht haben» könnte, wie manche Rechtsausleger zu orakeln derzeit nicht müde werden.

Eröffnet wird damit für die Zukunft diese eine Möglichkeit –  dass Verfassung und Recht tatsächlich in der Disposition des Volkes stehen könnten, und dass «das Stimmvolk» jederzeit Grundrechte, Verfassung und geltendes Völkerrecht aushebeln könnte. Wer, frage ich, gibt mir in diesem Fall die Garantie, dass nicht Abstimmungen zu erwarten sind über (warum auch nicht) die Wiedereinführung der Todesstrafe; und wann, frage ich, muss ich über die Einführung der Folter beim Verdacht auf Terrorismus abstimmen, über ein Heiratsverbot für dunkelhäutige Männer, über städtische Rayonverbote für Flüchtlinge und so weiter.

Es braucht eine Verfassungsdiskussion in diesem Land, und es braucht eine Diskussion darüber, ob das Mittel der Initiative dazu missbraucht werden darf, um aus Verfassung, aus Grundrechten und aus dem Völkerrecht Gurkensalat zu machen. Die Diskussion ist umso dringender, als mit einer Reihe von Initiativen der Kerngehalt der Verfassung mehr als nur tangiert wurde – mit der Minarettverbotsinitiative wird Religionsfreiheit verletzt, die Masseneinwanderungsinitiative verletzt die persönliche Freiheit, auch schon die Ausschaffungsinitiative verletzt den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz.

Es darf keine Gewöhnung geben an diese Art von Rechtsverletzungen.

Und das bedeutet auch:

Dass sich die direkte Demokratie nicht zur Komplizin des Totalitären machen darf, und ich als Stimmbürger soll nicht – im Windschatten einer populistischen Polterpartei – zum Rechtsbrecher werden, wenn ich einer Initiative zustimme. Ich darf mit meinem Stimmzettel auch nicht zum Verfassungsrichter gemacht werden, zu einem, der mit seiner Stimme darüber entscheidet, was rechtens sein darf und nicht. Diese Aufgabe gehört in die Hand eines Verfassungsgerichts – ein Verfassungsgericht kann Rechtsfragen frei von der politischen Agenda beurteilen, frei auch von der perfiden Stimmungsmache einer Partei, frei von der aktuellen Stimmungslage in der Bevölkerung; ausser man möchte, dass die Ereignisse in Köln oder die Zunahme der Flüchtlinge über die Verfassungsentwicklung der Schweiz mitentscheiden.

Darüber sollten wir reden.


Christoph Keller hat Rechtswissenschaften mit Schwerpunkt Völkerrecht studiert, er arbeitet als Redaktionsleiter bei SRF2Kultur und ist freischaffender Autor. Er gibt hier seine persönliche Meinung wieder.

 

18. Januar 2017 (Mittwoch)

Rassismus in den Medien

RASSISMUS UND MEDIEN

VORTRAG im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Rassismus in der Mitte der Gesellschaft»

17. JANUAR 2017, ZÜRICH, Zentrum Karl der Grosse

 

DREI BILDER

Ich möchte Sie gerne, meine Damen und Herren, mit drei Bildern aus meinem Berufsalltag bekannt machen, als Einstieg in unser Thema, und auch als Weiterführung.

      Das erste Bild:

      Mittagessen in der Kantine des Radiostudios Basel, natürlich ist es ein Zufall, und es kommt auch nicht jeden Tag vor – aber da sitzen fünf Männer, alle mit waschechter Schweizer Abstammung, sie reden so über dies und das, und da stellt sich heraus: dass alle fünf verheiratet sind, Väter von ein bis drei Kindern, alle besitzen ein Auto, und sie besitzen ein Haus oder eine Wohnung. Fragt der eine am Tisch, etwas unvermittelt „Sagt mal, meint Ihr, dass wir fünf hier am Tisch in der Lage sind, die Vielfalt, also die Diversität der Schweizer Gesellschaft zu repräsentieren – wir hier, wir häuschenbesitzenden, gut verdienenden Mittelstandsfuzzis?“

Betretenes Schweigen.

Zweitens:

Meine Redaktion bei der wöchentlichen Sendekritik, es geht um eine Sendung zur politischen Rolle afroamerikanischer Musik in den USA, diskutiert wird die Sprechhaltung einer afroamerikanischen Expertin mit südafrikanischen Wurzeln und Wohnsitz Schweiz. Einige der anwesenden Redaktionsmitglieder stören sich daran, ich zitiere, „dass die Expertin mit einem etwas eigenartigen, amerikanisch angehauchten, manchmal ins Schweizerdeutsche kippenden Intonation gesprochen hat“. Wieder andere finden, gerade dies entspreche der heute auch in der Schweiz vorherrschenden Diversität.

Drittes Bild:

Wir stellen eine Diskussionsrunde zur MEI zusammen, wir haben: drei weisse Männer, alle bestens qualifiziert. Da sagt jemand „Wir sollten aber noch eine Frau haben, am besten eine mit Migrationshintergrund“. Es gibt kein Gelächter.

Drei Bilder, die natürlich weit weg sind vom Thema Rassismus, die aber vielleicht um so deutlicher aufzeigen, welche strukturellen, wahrnehmungs- und rollenbezogenen Probleme sich im Alltag einer ganz normalen Redaktion so auftun.


NEIN, WIR SIND KEINE RASSISTEN

Denn meine Redaktion ist nahezu idealtypisch zusammengesetzt. Fast alle sind Schweizer, so wie 84 Prozent aller Journalisten in der Schweiz Schweizer sind; in der Schweiz sind gerade mal 2 Prozent der Journalistinnen und Journalisten Juden oder Buddhisten, der Anteil der Muslimas ist gleich Null.

Darum gibt es eine bestimmte Perspektive, und das ist nun keineswegs die Perspektive der abschätzigen Berichterstattung über «andere», ganz im Gegenteil. Wir machen Sendungen zu Racial Profiling, zu Rassismus, wir thematisieren Sans Papiers, wir recherchieren zu Menschenhandel, zum Elend im Asylwesen, wir recherchieren zu strukturellen Diskriminierungen im Bildungssystem; und wir machen auch Sendungen zu Tabuthemen, etwa zur Praxis der Kindeswegnahmen bei afrikanischen Paaren, wir machen keinen Wohlfühljournalismus.

Und doch lehrt jeder Student, jede Studentin, dass wir in unseren Fragestellungen, in unseren Ansätzen, in unserer Methodik stets eine bestimmte Perspektive einnehmen; und die heisst, wenn es um die anderen geht, jener Drittel unserer Bevölkerung, die Menschen mit Migrationshintergrund: dass wir mit unseren präfigurierten, kulturell, biografisch geprägten, gefestigten Werthaltungen an diese Menschen herangehen. Nicht, dass wir dabei nicht bedeutende Übersetzungsleistungen vollbringen, nicht, dass wir uns nicht ins Schicksal etwa einer ausgebeuteten Sexsklavin, eines arbeitslosen, aber hochqualifizierten Flüchtlings aus Syrien hineindenken könnten. Wir können das, denn wir sind darin ausgebildet, wir sind professionell – wir sind Spurenleser, wir können empathisch sein, wir erkennen den Fremden, seine «Einzigartigkeit», wie JULIA KRISTEVA treffend sagt.

Aber:

Es macht einen Unterschied.

Weil wir Teil sind von dem, was gemeinhin in den Sozialwissenschaften als «Framing» bezeichnet wird, verstanden als die Setzung normativer und emotionaler, überwiegend unbewusst vermittelten Basisvorstellungen vom Menschen, der Gesellschaft und der politischen Aufgaben; wir sind Produzenten und Opfer dieses «Framing» zugleich.

Wir framen Geschichten, wir werden auch geframt.

Darüber müssen wir uns Rechenschaft geben, weil es im Journalismus nicht die Erzählung an sich gibt, sondern einzig divergiernde Positionen, aus denen heraus der ERZÄHLER oder die ERZÄHLERIN ihre Geschichte zum Besten gibt.

Vielleicht banal:

Aber es macht einen Unterschied, ob Sie eine Geschichte mit den Kategorisierungen und der Perspektive einer Mittelschichtssozialisation ohne Migrationserfahrung, ohne Diskriminierungserfahrung, ohne rassische oder soziale Ausschlusserfahrung erzählen; oder ob die Geschichte von jemandem erzählt wird, der oder die Migration am eigenen Leib erfahren hat, möglicherweise eine eigene Aufstiegserfahrung gemacht hat, erlebt hat, was es heisst, sich in einer Mehrheitsgesellschaft durchsetzen zu müssen, jemand der oder die weiss, wie es sich anfühlt, wenn man durchwegs bei Bewerbungen mit dem nicht so schweizerisch tönenden Namen durchfällt. Narration ist immer das Ergebnis derjenigen Diskursformationen, in denen man sich bewegt – nicht, weil die Fakten andere wären (ein rassistischer Anschlag, über den berichtet wird, hat eine klare Faktenseite), auch nicht, weil die strukturellen Gegebenheiten andere wären (die Ausschlussmechanismen bei der Arbeitssuche sind immer die selben), sondern weil Erzählen – und Journalismus ist Erzählen – immer eine bestimmte Haltung zu den Protagonisten mit sich bringt.

Ein Beispiel aus meiner Redaktion:

Wir brachten im Sommer 2014, als Reaktion auf die Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP eine Sommerserie mit dem Titel „Hier mit dir“. Ziel war es zu zeigen, wie Paare, Ehepaare, Arbeitskollegen, Freunde, SportskollegInnen mit und ohne Migrationshintergrund miteinander arbeiten, leben, spielen, kommunizieren. Eine schöne Idee, die im Anspruch eine Amalgamisierung, die Diversifizierung der Gesellschaft aufzeigen wollte – nur, leider: ging manches schief. Denn es gab einen seltsamen, auf den ersten Blick, und bei aller Sympathie für den oder die „Fremde“ in der Paarung, einen stillschweigenden Konsens: dass es eine tonangebende, kulturell prägende, gewissermassen unverrückbaren «schweizerischen» Lebensstil gibt, mit dem der eben anders kulturell geprägte Partner sich mehr oder weniger gut arrangiert, dem sich der oder die zugewanderte Person mehr oder weniger unterordnet.

Eine Kollegin mit Migrationshintergrund, davon bin ich überzeugt, hätte diese Geschichten anders erzählt – nicht als eine Geschichte von hegemonialer Kultur, die auch in Beziehungen eine Rolle spielt; sondern sie hätte aus eigener Erfahrung berichten können, dass kulturelle Parameter eben gestaltbar sind, transformierbar, und dass die «Leitkultur» nur ein Produkt von politisch motivierten Reduktionisten à la SARRAZIN.

Anpassung als Leitmotiv – selbstkritisch muss ich sagen, ja: wir haben uns kulturalisierend positioniert, und ja, wir waren in der Frage nach der Anpassung oder der Integration, wie man auch sagen kann, zu wenig differenziert.

Nicht böse gemeint.

Aber vielleicht so, wie in den Worten von Tristan Brenn Chefredaktor TV bei SRF, der sagte, in Sendungen bei SRF gebe es immer wieder «Portraits von Migrantinnen und Migranten, die es in der Schweiz geschafft haben. Diese Portraits sind durchaus aus der Perspektive der Zuwanderer erzählt und begegnen diesen Menschen mit viel Sympathie.» Merke – es geht (a) um Portraits, will heissen: anders denn als «Gegenstände» von Berichten kommen die «anderen» nicht vor, und (b) sind das die Guten weil sie es «geschafft haben», und (c) sie sind «durchaus», also nicht ganz aus (d) der Perspektive der Migranten erzählt, was so viel heisst, dass man sich um einen Blick aus ihrer Position heraus bemüht hat, während es ganz allgemein (e) am wichtigsten zu sein scheint, dass man «diesen Menschen» (Fingerzeig?) mit «viel Sympathie» begegnet. Dieses letztere Attribut, verweist darauf, dass aus der medialen Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, der Leitkultur, der Dominanzkultur oder wie auch immer, Sympathie gegeben, aber auch entzogen werden kann.

Aber mit dieser Sommerserie namens „Hier mit dir“ bewegen wir uns sozusagen im feinstofflichen Bereich.

Denn die Mehrzahl, unsere Wahrnehmung prägende Berichterstattung, sie sieht so aus:

«Asylgrüsel (19) belästigt im Zug sieben Frauen» - Migranten, die «anderen», sind meist Übeltäter.

Und wenn sie es nicht sind, dann sind sie Opfer – nicht zuletzt auch da, wo über rassistische Übergriffe berichtet wird; auch da sind die Stereotype stets die selben: die Menschen mit migrantischem Hintergrund sind Opfer:

BEISPIEL

«Bern, 23. Oktober 2016

Eine Berner Grosswäscherei hat einer langjährigen muslimischen Mitarbeiterin missbräuchlich gekündigt – so hat ein Einzelrichter an der Zivilabteilung des Regionalgerichts Bern-Mittelland im September entschieden. Aus religiösen Gründen erschien die Frau eines Tages mit dem Kopftuch bei der Arbeit und bot an, dieses jeden Tag zu waschen. Die Firma kündigte ihr mit der Begründung, wegen der Sicherheit und Hygiene sei es verboten, am Arbeitsplatz ein Kopftuch zu tragen. Das Kopftuch sei aber kein Kündigungsgrund, fand der Richter, die Entlassung sei missbräuchlich erfolgt.»

Anders – nur, um das anhand dieses Beispiels kurz zu zeigen – wäre der Fokus gewesen, wenn der Text so gelautet hätte:

«XY, langjährige Mitarbeiterin in einer Berner Grosswäscherei, hat ihren Arbeitgeber erfolgreich eingeklagt, auch dank der Unterstützung der Gewerkschaft XX. XY, die seit 12 Jahren in FF lebt, wehrte sich mit ihrer Klage dagegen, dass der Arbeitgeber VV ihr das Tragen eines schlichten Kopftuches verbot mit der Begründung, ein Kopftuch am Arbeitsplatz sei eine Gefahr für Sicherheit und Hygiene. Der Einzelrichter nun folgte diesem Argument nicht und gab XY recht; das Tragen des Kopftuchs sei Ausdruck einer unveräusserlichen persönlichen, religiösen Einstellung, die nicht begrenzt werden darf.»


DER WEISSE HEGEMON

In Deutschland, so die Schätzung der Politologin Ferda Ataman, hat nur jeder 50. Journalist einen Migrationshintergrund, während der Anteil der Migrantinnen und Migranten mehr als 20 Prozent beträgt; zur öffentlichen Kommunikation, schreibt Horst Pöttker, gehöre auch «eine angemesse Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund am Personal hinter der Kamera, bei der Recherche oder am Redaktionssystem.

      In der Umfrage der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften vom vergangenen Jahr ergab sich, dass gerade mal 21 der 909 befragten Journalistinnen und Journalisten angaben, eine andere Muttersprache zu haben als die hierzulande üblichen. «Das ist nicht gut», schrieb PEER TEUWSEN in seinem Kommentar vergangenen Oktober zu dieser Studie und forderte, es sei höchste Zeit, «dass auch die Schweizer Medienhäuser ihre Redaktionen diverser besetzen».

      Der weisse Hegemon in den Medien muss verschwinden.

      Nur – warum eigentlich?

      MARK TERKESSIDIS hat in seinem Buch «Interkultur» klar Stellung bezogen dafür, dass Institutionen die gesamte Gesellschaft abbilden sollten; Institutionen sind, schreibt Therkessidis, mit dem Ziel einer «Evolution der Institutionen im Hinblick auf die neue Vielfalt der Gesellschaft» und er plädiert für eine «Kultur im Dazwischen». Diese Einsicht, dass die neue, heterogene, diverse, teilweise gar «hyperdiverse» Gesellschaft, in der wir leben, sich auch in den Institutionen abbilden muss, lässt sich ohne weiteres auf Medien übertragen – sofern man davon ausgeht, dass Medien im Sinne einer Vierten Gewalt im Staat und in der Gesellschaft die Rolle einer Institution einnehmen, und auch: einer Macht. Sie sind in der Lage, um es mit GIORGIO AGAMBEN zu sagen, «Dispositive» zu formulieren, Medien sind der Ort, an dem die Ökonomie der Aufmerksamkeit, wie es GEORG FRANK formuliert hat, verhandelt wird, jene knappe Ressource, die von allen begehrt wird, durchs Band und über alle Schichten hinweg. Aber Medien sind in diesem Sinne auch Orte, des «Manufacturing of Consent», sie sind «effiziente und mächtige ideologische Institutionen, die eine systemerhaltende propagandistische Funktion erfüllen, indem sie sich auf die Marktkräfte abstützen, Voraussetzungen internalisieren und Selbstzensur üben», wie EDWARD S. HERMAN und NOAM CHOMSKY in ihrer wegweisenden Studie zum amerikanischen Mediensystem bereits 1988 schrieben.  

      Oder eben:

      Medien «framen», und sie werden «geframt». Und damit sind Medien immer auch Instrumente zur Inklusion, oder zur Segregation.

      Im Extremfall, bei Medien wie der Weltwoche, bei Breitbart, bei der Sun, ist das augenfällig. Aber es ist eben auch in der Mitte der medialen Landschaft der Fall, dort, wo wir den grossen Konsens vermuten, die weitläufigen Diskurse.

      Die Folgen sind für eine plurale Gesellschaft wie die schweizerische harsch und schmerzhaft. Auf den Punkt gebracht – wenn die Medien ihre diversifizierende (nicht integrierende) Funktion nicht ernst nehmen, verlieren sie einen Teil der Gesellschaft; und mit ihr verliert die Gesellschaft einen Teil derjenigen, die an der demokratischen Meinungsbildung teilnehmen sollten.

      Aber wo sind sie denn alle - sind sie noch da, dort, wo wir die Medien vermuten?

      Gemäss dem Jahrbuch Qualität der Medien 2016 gehören die «News-Deprivierten» mittlerweile zur grössten Nutzergruppe überhaupt. Sie machen mittlerweile 31 Prozent aller Nutzer aus, Tendenz steigend, vor allem junge Erwachsene und «speziell junge Frauen» sind hier häufig vertreten; sie nutzen, heisst es im Jahrbuch, Informationsmedien weit unterdurchschnittlich, und wenn, dann greifen sie «auf Pendlerzeitungen oder kostenlose Onlineangebote und News via Social Media zurück». Das heisst so viel wie – dass die traditionellen, klassischen Medien ihre Rolle zunehmend verlieren, nämlich als Medium zu funktionieren, «mediare», dazwischen zu sein, zwischen den Mächtigen und dem Publikum, zwischen den Phänomenen und den LeserInnen, vermittelnd, erklärend, informierend. Ein Teil des Publikums ist verlorengegangen, ein Drittel – und die Frage stellt sich, was das bedeutet für unser Thema, für die diversifizierende und die segregierende Rolle von Medien, für den Rassismus.

      Zwei Gedanken:

  • Wir haben, und wir tun das ja auch an diesem Abend, hier, in dieser Diskussion, die «Medien» im Fokus, und wir reden implizit stets von dem, was wir als «Medium» uns vorstellen: Zeitung, Fernsehen, Internetplattformen. Aber wir müssen, und das ist eine medienpolitische Frage, den Begriff des Mediums, erweitern und dringend auch Soziale Medien, und damit meine ich alle soziale Medien, dem selben Begriff der Verantwortung, den Geboten von Diversität, Respekt und Anerkennung unterstellen, wie die traditionellen, also: redaktionell betreuten Medien. Das «digitale Ich», dieser Avatar, dieses «andere» von uns, das in den Netzen unterwegs ist, und das manche Dinge sagen lässt, die es im realen Leben nicht sagen würde – dieses «andere» muss in die Verantwortung genommen werden. Wie das VILÉM FLUSSER bereits 1991 schrieb - «Es genügt nicht, wenn wir einsehen, dass unser „Selbst“ ein Knotenpunkt einander kreuzender Virtualitäten ist, ein im Meer des Unbewussten schwimmender Eisberg oder ein über Nervensynapsen springendes Komputieren, wir müssen auch danach handeln». Einen allerersten Anfang haben wir dieses Jahr gesehen, als Facebook und Google und Twitter sich dahingehend erklärten, man wolle den Fake News zu Leibe rücken; aber wir sind noch weit davon entfernt, dass jener Raum, in dem sich die 31 Prozent der «Newsdeprivierten» aufhalten, einem Kodex unterliegen würde, der diskriminierende Äusserungen sanktioniert – beginnend bei den Kommentarfunktionen, die sich heute als ein Tummelfeld von abschätzigen, im Grenzbereich des Rassismus befindlichen Äusserungen präsentieren. Hier hat die deutsche Ausgabe der Huffington Post einen ersten Schritt getan, indem sie anonyme Kommentare verbot; und auf der englischsprachigen Website heisst es ausdrücklich in der «Comment Policy»: «If your comments consistently or intentionally make this communitiy a less civil and enjoyable place to be, you and your comments will be excluded from it».
  • Zweitens muss es darum gehen, gerade und vor allem auch in den Sozialen Medien den weitherum diskreditierten Begriff der «Poltischen Korrektheit» als eine Errungenschaft qualifizierter, zivilisierter, demokratischer Form des Redens in der Öffentlichkeit wieder hochzuhalten. Es kann nicht angehen, dass wir den Raum, in dem sich die «Newsdeprivierten» bewegen, nicht genau so zu einem Ort der geregelten, der zivilisierten Rede machen, ihn nicht genau so streng beurteilen, wie die traditionellen Medien. Gerade jener Raum der Sozialen Medien, der nur allzu oft genutzt wird zum Verfassen jedwelcher ressentimentsgeladenen Posts, muss dringend wieder zum Ort des Anstands gemacht werden; und damit auch zu einem Raum, in dem eine Integration in einen demokratischen Diskurs gelernt werden kann.

 

NICHT NUR RASSISMUS

Damit ist es auch gesagt:

      Es geht hier nicht nur um Rassismus.

      Denn erstens – gibt es den kruden Rassismus in dieser Form in unseren Medien nicht, und wenn, dann wird er sanktioniert.

      Aber zweitens ist der Begriff des Rassismus – zumindest nach schweizerischer Auslegung – eng gefasst. Die Gesetzgebung schützt rassische, ethnische und religiöse Gruppen vor Herabsetzung und Diskriminierung; aber, und darauf hat TAREK NAGUIB in einer seinen Studien hingewiesen, gerade dieser Schutzcharakter, die Frage, was unter Öffentlichkeit zu verstehen sei, inwiefern unter der Rassismusstrafnorm überhaupt noch eine Debatte zur Rasse, Religion, Ethnie möglich sei – all das hat dazu geführt, dass der Schutzcharakter der Norm in der öffentlichen Wahrnehmung unter steter Kritik stand. Und die enge Fassung der Norm hat unter anderem dazu geführt, dass «Ausländer» oder «Asylbewerber» oder auch «Libanesen» oder «Franzosen» durchaus öffentlich diskriminiert werden können, straflos.

      Diesen Umstand haben sich insbesondere jene zunutze gemacht, die mit einer Politik der Ressentiments, des Hasses gegenüber nicht hier geborenen, nicht autochtonen, zugewanderten Menschen einen neuen, radikalen Nationalismus propagieren. Sie nutzen die Unschärfe und auch die Grenzbereiche der Rassismusnorm gezielt, und sie lernen ganz gezielt, wie ich in einer Recherche unlängst nachweisen konnte (KONTEXT vom XX), diskriminierendes Reden und Schreiben, ohne dass die Antirassismusstrafnorm tangiert würde.

      Diese Art der diskriminierenden Rede hat sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Teilen Europas durchgesetzt; sie ist weitherum akzeptiert, sie ist nicht strafbar, aber zutiefst verletzend, und auch: zersetzend. Sie erlaubt die Darstellung verhüllter Frauen in Abstimmungskampagnen ebenso wie die pauschalisierende Verurteilung von «Scheinasylanten» - und sie findet Eingang in alle Medien, soziale, traditionelle, auch Qualitätsmedien, mit den Folgen, die wir kennen: Stigmatisierung, Kategorisierung, Ausgrenzung, Diskriminierung.

      Deshalb sollten wir uns in der Diskussion um die Rolle der Medien nicht mehr auf die Kategorisierungen von «Rassismus» beschränken, sondern, wie das der Forschungsbereich Öffentlichkeit fög der Universität Zürich tut, in Kategorien von «Typisierungen» und von «segmentären Differenzsemantiken». Typisierungen, schreibt der fög in einer seiner Studien, lassen sich definieren als «Zuschreibungen von Eigenschaftsmerkmalen gegenüber Personen, Gruppen oder Kollektiven, die eine wertende Komponente und eine Verallgemeinerung beinhalten», während segmentäre Differenzsemantiken verstanden werden als «Typisierungen, die die Eigengruppe von der Fremdgruppe mit systematisch verschiedenen Zuschreibungen unterscheidet», oder kurz gesagt: Differenzsemantiken dienen den Mächtigen zur Konstruktion von Zugehörigkeit.

      Diese Machtmechanismen in den «Medien» zu erkennen und zu benennen, darum geht es; und es geht darum, genau hinzuschauen. Nicht erst, wenn das Wort «Neger» auftaucht, sondern schon, wenn es heisst «Nadine Farhoud gilt in ihrer Gemeinschaft als gut integriert».

 

WERTE UND STRUKTUREN

Es ist ja nicht so, dass es in den jeweiligen Medienhäusern kein Bewusstsein gäbe über diese Fragen. Nur ist dieses Bewusstsein etwas rudimentär.

      Schauen wir kurz auf ein paar normative Vorstellungen zum Thema, am Beispiel der SRG

      In den Leitlinien der SRG zur journalistischen Praxis heisst es etwa, « Informationsmedien spielen in der Demokratie eine Schlüsselrolle. Sie ermöglichen den Bürgerinnen und Bürgern, sich eine Meinung zu bilden, gesellschaftliche Verhältnisse und Vorgänge zu beurteilen und diese im demokratischen Prozess mitzugestalten» und weiter «Unsere Aufgabe ist es, den Diskurs über alle gesellschaftlich relevanten Sachverhalte zu fördern und die öffentliche Debatte zu beleben» und weiter «Vielfältig sind Programme, wenn sie Tatsachen und Meinungen zu einem Thema in ganzer Breite angemessen zum Ausdruck bringen» und weiter «Unabhängig ist unser Programmangebot, wenn die Redaktionen keine Ideologie, keine Partei oder sonstige Interessengruppe bevorzugen. Wir halten kritische Distanz zu allen Gruppierungen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens».

      Aus alledem lässt sich noch kein explizites Bekenntnis zur Diversität, zur Pluralität, zur Differenz herauslesen. Aber diese Grundsätze können, weil wir ein Medium des Service Public sind, eingefordert werden; als eine normative Grundlage, die sich tatsächlich in den Programmen niederschlagen soll. Und sie bietet Handhabe für eine öffentliche Diskussion über Programme, Inhalte, Diskurse – eine Diskussion, die, wie ich meine, durchaus auch öffentlich und intensiv geführt werden muss.

      Und zwar:

  • Indem jene, die es angeht, nämlich die «anderen», die in den Medien immer wieder dem «Othering», dem Ausschluss ausgesetzt sind, ihren Platz einfordern in den Gremien, die sich mit der Qualität der Berichterstattung bei SRF auseinandersetzen, also im Publikumsrat, in den regionalen Genossenschaften. Und auch, indem sie ihren Platz einfordern – das nur als Zusatz – an Orten wie dem Presserat, den Schulleitungen der Journalistenschulen.
  • Indem jene, die es angeht, eine Beobachtungsstelle einrichten, eine, die regelmässig, qualifiziert, kompetent die Medien in der Schweiz beobachtet (nicht nur SRF), eine Art Medienobservatorium, das die Berichterstattung analysiert.

 

KONKLUSION CONSTRUCTIVE JOURNALISM

Wie also sollen Geschichten erzählt werden?

      Mit einem anderen Blick, mit einem Blick auf die Differenz, auf die Unterschiedlichkeit der Lebenszusammenhänge, der Diskurse, der Wirklichkeiten, in denen Menschen in diesem Land, in diesem Kontinent, in dieser Welt leben. Geschichten ohne Verkürzungen, ohne Stereotype, dafür Geschichten, bei denen genau hingeschaut wird: wer was warum tut.

      Dafür braucht es

  • Erstens auch Arbeit im Kleinen. In meiner Redaktion wird jedes Thema, bevor es in der Redaktionssitzung diskutiert wird, in einer Eingabenskizze umfassend formuliert. Fragen wie «Warum ist das Thema relevant» oder «Welche Elemente hat die Sendung» müssen ebenso beantwortet werden wie die Frage «Was soll mit dieser Sendung bei den HörerInnen bewirkt werden». Neu habe ich, nach entsprechender Vorbereitung in einem Workshop, die Rubrik «Diversität» eingeführt – mit der Folge: dass bei jedem Thema die Frage nach «Gender, Race, Class, Age» beantwortet werden muss, sowohl was die Protagonisten der Sendung angeht, wie auch, was die MacherInnen betrifft. Sendungen, in denen nur noch weisse, alte Männer vorkommen, soll es nicht mehr geben, und auch nicht mehr solche, in denen nur noch «Bioschweizer» sprechen. Diese kleine Checkliste hat schon zu einigen Veränderungen geführt – und sie kann in jeder Redaktion eingesetzt werden.
  • Zweitens braucht es andere Geschichten, gerade, was unser Thema hier angeht. Der dänische Journalist ULRIK HAAGERUP ist nicht der einzige, der für einen Paradigmenwechsel im Journalismus plädiert und sich einsetzt für «Constructive News», oder auch für einen «positiven Journalismus». Würden sich Medien die Aufgabe stellen, auch nur einen Drittel ihrer News für «positive Meldungen» zu reservieren, was für überraschende Geschichten können wir da hören, lesen, sehen? Die Geschichte von meinem Freund Mohomodou Houssouba, beispielsweise, der aus Mali stammt und seit Jahren daran arbeitet, ein digitales Wörterbuch seiner Muttersprache Songhay zu erarbeiten. Die Geschichte der südafrikanisch-deutsch-guineischen Kuratorin Kadiatou Diallo, die gerade eben mit einer provokativen Ausstellung und Performances zum Thema Differenz in Basel für Aufsehen sorgte. Oder eben – die Geschichte von XY, jener Frau, die sich erfolgreich für das Tragen des Kopftuchs wehrte, nicht darstellen als eine Opfergeschichte, sondern als den Erfolg einer mutigen, kämpferischen Frau. Das ist dann ein anderes «Framing», das Setzen anderer Deutungsmuster, die sich, davon bin ich überzeugt, über die Zeit hinweg durchsetzen werden.

 

Ich danke Ihnen

 

ck. 17.01.2017