SMS - eine kleine Ode

18. Mai 2014

SMS - eine kleine Ode

Sie fliegen um die Welt, reichen von «Komme» (Punkt) bis «Mein Lieber, es war sehr schön mit dir, deine Küsse haben mich tief bewegt, und du hast schöne Hände, nur leider ...» (folgt lange Erklärung). Es gibt welche, die verbiegen sich mit «Sehr geehrter Herr Abt, ich habe mich leider verspätet», andere kommen schnoddrig daher wie «ha di gar nid wegdruckt.. has eif nid khört sorry», manche hart und ehrlich «f.u.». Sie sind die direkteste Schreibform, denn bei keiner anderen wird so dahingeredet in die Taste gehauen «Ish voll krasssmann, kacke hey <3», und unverwechselbar jeder Absender, der eine expressiv mit «Hadi MEEEEGA gärn», der andere schluddrig mit «Halo di,must mirsafen wemich falsh ge legen bun». Und mit jedem Absenden ein kleines Risiko, ob und was zurück kommt bei «Ich möchte dich gern wiedersehen» oder bei «Hebmi, jetz». Sie fordern auf zum Zurückschreiben, zum Dagegenschreiben, zum Weiterspinnen. Schweigen auf der anderen Seite ist Versagen am eigenen Text, fehlender Appeal, ist wie das Ende eines Gesprächs, wer schreiben muss «Hey, warum schweigst du», hat schon verloren. Schreiben wie Reden, ins Ungewisse hinein, für einen Text, der sich fortsetzt wie ein gemeinsam verfasstes Gedicht «Woane / zum Ives / bisch da oder nanig / nanig» oder «Spüre deine Hände noch, auf meiner Haut / auf meiner / Und ich hab deinen Geruch / deine Worte /  sehr / ja». Sie sausen dreihundertfünfzig Milliarden mal pro Jahr los, von Tokio nach Braunwald, vom Huancayo nach Novosibirsk, sind Textträger von Glück «Anna Sofia, 3150g, 03.17» und Drama «Egon von Bus angefahren, im Spital. Komm sofort». Und es gibt einen Ort, hoch oben am Himmel, zwischen Troposphäre und Stratosphäre, an dem sie sich sammeln, all die nie angekommenen SMS – sie schweben da oben, leicht und flockig, und verweben sich langsam zu neuen Texten «zum Ives / Hebmi / nur leider / voll krassmann / nanig».

Christoph Keller

 

 

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